Thema

Die Rolle der Sprachpraxis bei der Konstruktion mehrdimensionaler sozialer Räume von heute: eine Herausforderung für die angewandte Linguistik

Die heutigen Gesellschaften befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen scheinbar entgegengesetzten Wirklichkeiten und Prozessen: Regionalisierung vs. Globalisierung, Vielfalt vs. Uniformisierung, Normalisierung vs. Deregulierung. In den Sprachpraktiken bzw. den Beziehungen der Sprachen und Diskurse manifestieren sich diese Spannungen zum Beispiel durch das Schwinden des Dialektalen zugunsten einer illusorischen Lingua Franca; Purismus vs. einer Sprach-und Lektvermischung (Sozio-, Dialekte); ein monolinguales Konzept von Sprache vs. eines plurilingualen Sprachkonzepts.

Die angewandte Linguistik versteht sich als eine aktionsorientierte Linguistik. So hinterfragt sie zum Beispiel die komplexen Bedingungen, unter denen die sprechenden und schreibenden Subjekte als Akteure in der Zusammensetzung sozialer Räume intervenieren: in der Erziehung und Ausbildung, den Medien, der Politik, des Gesundheitswesens, aber auch in der Wirtschaft, dem Rechtswesen und der wissenschaftlichen Forschung.

Die thematische und interdisziplinäre Tagung Lausanne stellt sich als Aufgabe, diese Spannungsräume zu untersuchen, die durch die Sprachpraktiken entstehen, aufrecht erhalten, maximiert oder minimiert werden. Das Kolloquium versucht auf diese Weise nicht nur die Orte und Ausdrucksbedingungen dieser Räume zu identifizieren und zu beschreiben und sie eventuell auch abzubauen, sondern auch Kompromisse und Lösungen zu erörtern, die es erlauben, diese Räume diskursiv zu behandeln.

Es könnte zum Beispiel gefragt werden, welches die eigentlichen Verankerungen dieser Spannungsräume sind und in welchen sozialen und diskursiven Praktiken sie festgeschrieben sind. Inwieweit favorisieren oder verhindern diese eine Art Teilnahme am sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben? Welche diskursiven Formen der Mediation (interkulturell, politisch, wirtschaftlich, juristisch, mediatisiert) sollen in Erwägung gezogen werden? Welche neuen diskursiven Misch- oder Hybridformen könnten erdacht werden ?

Um solche Fragestellungen näher betrachten zu können, können sieben thematische Achsen vorgegeben werden, wobei jede einzelne einen Reflexionsrahmen zu Sprachpraktiken in einem bestimmten sozialen Raum vorgibt :

  • 1. Die Sprachpraktiken in den Bereichen der Erziehung und Ausbildung
    Die Sprachpraktiken tragen auf wesentliche Art und Weise zur Bildung eines Subjekts und seines Wissens bei, hauptsächlich durch die Spannung zwischen Individualisierung und Sozialisierung, zwischen ein- und mehrsprachigem Raum, aber auch zwischen der notwendigen lokalen Verankerung und der Öffnung hin zur Internationalisierung (besonders bei der Hochschulbildung).
  • 2. Die Sprachpraktiken in den Bereichen der Medien und Politik
    Die Sprachpraktiken sind grundlegend für die Spannung der Medienlandschaft und finden sich zwischen dem Bürgerrecht zu informieren und den kommerziellen Anforderungen verkaufen zu müssen wieder, sie sind aber auch wesentlich bezüglich der politischen Spannung zwischen kollektiver und öffentlicher bzw. privater Identität.
  • 3. Die Sprachpraktiken im Bereich der wissenschaftlichen Forschung
    Die Sprachpraktiken in der Wissenschaft sehen sich einer doppelten Herausforderung gegenüber, nämlich der des internationalen Wettbewerbs und der Valorisierung des wissenschaftlichen Kulturen, was neben der Förderung einer Lingua franca auch beinhaltet, anderen Sprachen einen Stellenwert einzuräumen.
  • 4. Die Sprachpraktiken im GesundheitswesenDie Sprachpraktiken im Gesundheitswesen schaffen einen Spannungsraum zwischen den Praktiken, die dazu dienen, die Arbeit zu organisieren, jene die also auf die interne Produktion ausgerichtet sind, und denen, die der Kommunikation mit den Patienten dienen.
  • 5. Die Sprachpraktiken im Bereich der Wirtschaft
    Die Sprachpraktiken innerhalb eines Unternehmens finden sich heutzutage zwischen zwei antagonistischen Anforderungen wieder, nämlich auf einen lokalen Bedarf zu antworten, sich aber auch einem internationalen Markt zu öffnen.
  • 6. Die Praktiken im Rechtswesen
    Die Sprachpraktiken des Rechtswesens bewegen sich zwischen der Notwendigkeit, nationales und internationales Recht zu koordinieren, und befinden sich so in einem Spannungsfeld von spezifischen vs. standardisierten Praktiken und Regeln.
  • 7. Die Sprachpraktiken im Bereich der neuen Technologien
    Die Sprachpraktiken im Bereich der neuen Technologien befinden sich im Spannungsfeld zwischen unmittelbarer Kommunikation und textueller Erstellung; das Aufkommen der sozialen Netzwerke führt ausserdem dazu, den Gegensatz zwischen privater und öffentlicher Kommunikation neu zu überdenken.

Die Teilnehmer der Tagung können so Vorschläge für Ihre Beiträge bezüglich der thematischen Achsen einreichen.

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